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Kaputte
Meißen-Vasen oder henkellose Kaffekannen - in einer Spezialwerkstatt
wird zusammengefügt, was zusammengehört
Sie
wollte nur ein Buch aus dem Regal ziehen, doch dabei ging die Vase
aus Meißner Porzellan klirrend zu Bruch. Das Erbstück aus dem Nachlaß
der Schwiegermutter lag in acht handtellergroßen Scherben und winzigen
Splittern auf dem Wohnzimmerboden verstreut. Verzweifelt steht die
Frau einige Stunden später im Porzellan-Reparatur-Studio an der
Sierichstraße (Winterhude). Die Trümmer stellt sie behutsam in einem
Pappkarton auf den Tresen. "Können Sie da noch etwas machen?" fragt
sie und fügt verlegen hinzu:,, mein Mann darf es auf keinen Fall
bemerken."
Arne
Zimmermann (31) mustert den Scherbenhaufen. Aufgeregt redet sich
die Frau unterdessen ihr Mißgeschick von der Seele. "Es ist eine
mittlere Katastrophe", sagt sie. Die Großeltern ihres Mannes hätten
die Vase bei der Flucht gerettet und mit nach Hamburg gebracht.
Und: Noch nie sei ihr etwas kaputtgegangen. "Kein Problem", sagt
der "Porzellandoktor" beruhigend. "Ich kann die Bruchstellen fast
unsichtbar machen."
rne
Zimmermann beginnt, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen.
Zunächst schiebt er die Scherben in den Brennofen. Bei 700 Grad
verbrennen dort Fette, Verschmutzungen und mögliche Klebereste.
In mühevoller Puzzlearbeit fügt er dann die Porzellanteile und Splitter
Stück für Stück aneinander und verklebt sie mit Epoxidharz. Nach
jedem Arbeitsgang müssen die zusammengefügten Scherben in den Ofen
- um bei einer Temperatur von 90 Grad zusammenzubrennen.
"Viele kommen mit Schuldgefühlen hierher",
sagt Arne Zimmermann, während er eine Lücke am Fuß der buntbemalten
Meißen-Vase mit speziellem Kunstharz ausfüllt. "Sie schämen sich,
Erbstücke und Geschenke demoliert zu haben." Meist würden ihm seine
Kunden ausführlich erzählen, wie das gute Stück kaputtgegangen ist.
Manchmal seien nach Aussage der Kunden auch schon Porzellan-Figuren
oder Ming-Vasen wie von Geisterhand aus Vitrinen gefegt worden.
"Katzen und Putzfrauen machen angeblich am meisten", sagt er und
schmunzelt. "Oder Gäste die nach dem Essen beim Abräumen helfen
wollen."
n
den Regalen in der Porzellan-Werkstatt stehen kostbare Stücke aus
Porzellan, Keramik, Ton und Glas. Da steht eine henkellose Kaffeekanne
neben einer kopflosen Porzellan-Tänzerin. Eine zerschmetterte Zuckerdose
mit feinen Porzellanblüten liegt neben einem weißen Keramikpferd,
dem bis vor kurzem noch das rechte Bein fehlte. Und für die mit
Rosen bemalte Toilettenschüssel aus der Jahrhundertwende ist bereits
eine zweite Halterung für den Deckel nachgebaut worden.
Als die Meißen-Vase komplett zusammengefügt ist,
beginnt Kunststudentin Melanie Lange (25) mit dem letzten Arbeitsgang:
der neuen Farbe. Sie mischt genau die Blau-, Grün- und Gelb-Töne
der Vase zusammen. "Je mehr ein Stück dekoriert ist, desto weniger
ist die Reparatur später zu sehen", erklärt sie und setzt den dünnen
Pinsel an, um mit feinsten Strichen eine Blüte nachzuziehen.
rne
Zimmermann erinnert sich an eine in mehr als 80 Teile zerbrochene
Künstlervase. "Das war eine echte Herausforderung", sagt er. Der
Kunde hatte das 900 Mark teure Stück bei einem Ehestreit kaputtgeschmissen
und wollte es unbedingt reparieren lassen. "Unmöglich, dachte ich
zuerst", sagt Zimmermann. Doch es gelang ihm. Der Kunde zahlte 1200
Mark und schüttelte dem "Doc" beide Hände.
ürzlich
hat Zimmermann einen lebensgroßen Tiger aus Keramik "verarztet".
Die Putzfrau -berichteten ihm die Kunden- habe das Tier mit dem
Staubsaugerkabel die Treppe heruntergerissen. Aus lauter Schreck
habe sie die Scherben in den Abfall geworfen. Verdreckt kamen die
Trümmer in der Porzellan-Werkstatt an. Arne Zimmermann: "Da klebten
sogar noch Bananenschalen und Kaffeesatz dran." Er habe den in etwa
50 Teile zerbrochenen Tiger erst einmal in seiner Badewanne gewaschen.
"Viele fürchten, noch größeren Schaden anzurichten, wenn sie die
Scherben selbst reinigen", sagt der Mann für den zerbrochene Kuchenplatten
mit einem Stück Schwarzwälderkirsch keine Seltenheit sind.
Seine Mutter, Günna Zimmermann, hatte vor 30
Jahren das Porzellan-Reparatur Studio eröffnet. "Ich wuchs quasi
zwischen Scherben und Porzellan auf', sagt Zimmermann. Mittlerweile
hat er den Familienbetrieb übernommen. Als nach zehn Tagen die Kundin
in die Werkstatt kommt, um die Meißen-Vase abzuholen, sind die feinen
Risse mit bloßem Auge kaum noch zu erkennen. Staunend nimmt sie
das reparierte Stück entgegen und zahlt 280 Mark. "Ich bin Ihnen
so dankbar", sagt sie. Dabei hatte ihr Mann das Fehlen des geliebten
Erbstückes bislang nicht einmal bemerkt...
(Hamburger Abendblatt v. 19.02.1996)
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